„Alle Menschen sind individuell verschieden und doch gleichwertig“, heißt es im Schulkonzept der Grundschule Minden, und dieses Menschenbild wird hier allem Denken und Handeln vorangestellt und Tag für Tag umgesetzt: So bekommt jedes Kind seinen individuellen Wochenplan, damit es entsprechend seinem Leistungsstand lernen kann. Kein Plan gleicht dabei dem anderen, jedes Kind lernt seinem Entwicklungsstand gemäß und schreibt erst dann eine Lernzielkontrolle, wenn es das entsprechende Leistungsniveau erreicht hat.
1 / 8
Die Wochenpläne werden von den Lehrerinnen und Lehrern erstellt. Das bedeutet einen enormen persönlichen Aufwand. Ein Mehraufwand, der sich jedoch lohnt, findet Schulleiterin Doris Pütz: „Wir sind mit den Arbeitsergebnissen sehr zufrieden und sehen, dass wir so jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglich fördern können.“ Die individuellen Lernpläne sind Bestandteil eines umfassenden Konzepts, das lebendig in die Praxis umgesetzt wird und den Schulalltag bis ins kleinste Detail durchdringt. Vom Kleinen zum Großen gestalten, ist der Anspruch der Schulleiterin: „Ich erlebe, dass wir mit unserer täglichen Arbeit ein winziges Stück Gesellschaft verändern können.“ Für das Schulkonzept bekam die Eine-Welt-Schule die Auszeichnung „Gütesiegel Individuelle Förderung“. Um nachhaltig im Bereich Prävention arbeiten zu können, hat sich das Lehrerkollegium in Informationsveranstaltungen und autodidaktisch weitergebildet. Fortbildungen zum Projekt „Faustlos“ oder zum Buddy-Projekt haben ihr Know-how darüber hinaus im Bereich psychosoziale Gesundheit vertieft.
Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Schule ein emotionaler Rettungsanker. Weit mehr als die Hälfte der Kinder lebt in sozial benachteiligten Familien und/oder stammt aus Migrantenfamilien. 21 Nationalitäten sind hier vertreten. Die Eine-Welt-Schule liegt in der oberen Altstadt von Minden. Viele der Mädchen und Jungen leben in beengten Wohnverhältnissen, oft an großen, verkehrsreichen Straßen ohne ausreichende Möglichkeit zum freien Spiel. Auch die Schule hatte früher wenig Außenraum zur Verfügung und muss auch heute noch teilweise öffentlichen Raum nutzen, wie den öffentlichen Spielplatz, den sie mit Hilfe von Sponsorengeldern in eine Ritterburg verwandelt hat. Kreativ bemüht man sich darum, den Außenraum für die Schülerinnen und Schüler zu erschließen.
So hat die Schule zusammen mit Kooperationspartnern, engagierten Eltern und Schülerinnen und Schüler benachbarter Schulen auf dem unmittelbar neben der Schule gelegenen Freigelände ein eigenes Lehmdorf errichtet. Mehrere Jahre hat der Aufbau des Eine-Welt-Dorfs gedauert. Entstanden ist ein Mini-Dorf, bestehend aus mehreren begehbaren Lehmhäusern. So gibt es ein „Insektenhotel“ mit Gründach und Teich, ein Haus der Religionen und ein Haus „Nowosibirsk“ mit angrenzendem Backofen zum Brot- und Pizzabacken.

Doch Brot oder Pizza genügen nicht für eine ausgewogene Ernährung. In der Eine-Welt-Schule findet deshalb eine gemeinsame Mittagsmahlzeit statt, für die der Mensa-Verein der Kurt-Tucholsky-Grundschule als gemeinnütziger Caterer gewählt wurde. Nicht ganz billig ist das Angebot, aber dafür kocht er hochwertig und gesund und erfüllt sehr hohe Qualitätsstandards. Die Zusammenstellung der Speisepläne ist angelehnt an „Optimix“ und die „Berliner Qualitätskriterien“. Zudem werden keine Geschmacksverstärker benutzt, gekocht wird möglichst fettfrei und ausgewogen. Es gibt regionale und saisonale Gerichte, aber auch ein besonderes Speisenangebot für muslimische Kinder. Kein Kind geht ohne eine warme Mahlzeit am Tag nach Hause. Kinder, deren Eltern Arbeitslosengeld II beziehen, bekommen ihr Mittagessen über öffentliche Mittel und eine Stiftung finanziert. Alle anderen Kinder aus Familien, die die finanziellen Mittel für das Mittagessen nicht aufbringen können, erhalten ebenfalls eine kostenlose Mittags-Mahlzeit, finanziert aus der sozialen Initiative der Mindener Wirtschaft „Bildungspartnerschaften in Minden“. Im Rahmen dieser Initiative werden aktiv Partner aus der Wirtschaft angesprochen, um Mittagessen-Patenschaften zu übernehmen. Das Mittagessen findet gemeinsam mit den Lehrerinnen, Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern in drei Mensaräumen statt. Die Tische sind ansprechend gedeckt, in der Mitte stehen appetitlich angerichtete Porzellanschüsseln – jeder kann sich nehmen, was er mag. Gesprochen wird nur im leisen Ton, wer etwas möchte, muss sich vorher melden. Nach dem Mittagessen räumen die Kinder den Tisch ab, der Tischdienst hilft beim Geschirrspülen, und alle Kinder putzen ihre Zähne. Doch auch für Verpflegung während der Früh- und Spätbetreuung sorgt die Schule. Kinder, die ab 7 Uhr die Frühbetreuung besuchen, erhalten ein kostenloses Frühstück. In der Spätbetreuung bis 17 Uhr 30 wird den Kindern ein Abendessen angeboten.
Gesunde Ernährung ist nur möglich, wenn man Grundkenntnisse über Nahrungsmittel besitzt. So können die Mindener Kinder im Schulgarten beobachten, wie Radieschen oder Kohlrabi wachsen. Im Rahmen eines zeitlich begrenzten Projekts kommen Landfrauen in die Schule, und es wird gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gekocht. Legendär ist das alle zwei Jahre stattfindende stadtteilübergreifende „Eine-Welt-Frühstück“ mit über 300 Kindern an mehreren ca. 40 Meter langen Tafeln vor der Schule.
Wo viele Kinder unterschiedlicher Nationalitäten zusammenkommen, entstehen schnell Missverständnisse, und es muss besonders genau auf zwischenmenschliche Kommunikation geachtet werden. Das Projekt „Faustlos“ begleitet die beiden ersten Klassenstufen. Hier erfahren die Kinder, dass Konflikte zum Leben gehören und gewaltfrei gelöst werden können. Und dass es wichtig ist, jedem Menschen Respekt und Freundlichkeit zu erweisen, in jedem etwas Gutes zu sehen, auch wenn er nicht unbedingt eine Freundin oder ein Freund ist. Schließlich ist es gar nicht so leicht, jemandem ein Kompliment auszusprechen – auch Loben will gelernt sein.
Um den Tagesverlauf zu reflektieren, wird täglich ein Tagesplangespräch durchgeführt. Der Tagesplan hängt mit Symbolen bestückt für alle sichtbar an der Wand, und man sieht schon auf den ersten Blick: Es sind mit zahlreichen Aktivitäten gefüllte Tage. Die Kinder sitzen im Kreis auf dem Teppichboden in einer gemütlichen Ecke und resümieren: Was ist gut gelaufen, wo gab es Probleme? Dann werden die nächsten Stunden geplant: Wer geht in welche AG, wer räumt auf, wann werden die Hausaufgaben gemacht? Dass an der Eine-Welt-Schule viel Wert auf psychosoziale Gesundheit gelegt wird, ist auch an dem Projekt „Auf dem Weg ins friedliche Klassenzimmer“ erkennbar. Im Reflexionskreis sitzen die Kinder der vierten Klasse im Kreis und sprechen über soziale Themen, die sie interessieren, Themen wie „Alkohol und Drogen“ oder „Verhalten zwischen Jungen und Mädchen“ zum Beispiel. Die Diskussionsvorschläge können anonym in einen „Kummerkasten“ eingeworfen werden. Die Arbeit am seelischen Gleichgewicht der Schülerinnen und Schüler hat oberste Priorität in der Eine-Welt-Schule. Denn Schulleiterin Doris Pütz findet: „Es ist wichtiger, dass ein Mensch in seiner Persönlichkeit gefördert wird, als dass er die Rechtschreibung perfekt beherrscht.“ Ihrer Meinung nach hilft eine gesunde psychosoziale Basis auch beim Schritt an die weiterführenden Schulen, denn nur selbstbewusste Schülerinnen und Schüler können später selbstständig arbeiten und Eigeninitiative entwickeln. Und der Erfolg gibt ihr Recht: Nicht wenige der Schülerinnen und Schüler schaffen problemlos den Sprung an weiterführende Schulen.

Neben gesunder Ernährung und psychosozialer Gesundheit gehört ausreichend Bewegung zu einem ausgewogenen und gesunden Schultag. So werden die Unterrichtsstunden möglichst bewegungsreich gestaltet. Zum Beispiel laufen die Schülerinnen und Schüler beim Lernen des kleinen Einmaleins über den Flur oder steigen Treppen, um die Zahlen zu lernen, und es gibt Laufdiktate. Pro Woche haben die Schülerinnen und Schüler drei Stunden Sportunterricht. Die ersten beiden Klassen lernen zusätzlich Schwimmen. Beim Walking-Bus laufen die Kinder zur Schule, anstatt mit dem PKW gebracht zu werden und werden dabei abwechselnd von Eltern begleitet. Nachmittags gibt es ein weitgefächertes AG-Angebot. Bei einem Großteil der Nachmittags-AGs steht Bewegung im Mittelpunkt. Vor der Schule befindet sich ein öffentlicher Spielplatz mit Ritterburg, der von den Schülerinnen und Schülern der Schule genutzt werden kann.
Die Eltern äußern sich sehr zufrieden über die Schule. Sie nutzen die Elternabende, um untereinander und mit den Lehrerinnen und Lehrern ins Gespräch zu kommen. Dort werden sie auch zu gesunder Ernährung beraten, auf Wunsch wird zusammen gebacken und gekocht. Wer nicht das direkte Gespräch sucht, der kann im Lobes- und Kummerkasten für Eltern seine Meinung äußern. Die Eltern werden bei der Ausrichtung von Festen und Veranstaltungen eingebunden und sind auch fester Bestandteil des Schulalltags – ob im täglich geöffneten Elterncafé, ob als Lesepaten oder als Helferinnen und Helfer in den Arbeitsgemeinschaften. Ausführliche Rückmeldungen und Informationen über das Schulleben erhalten die Eltern in einer monatlichen E-Mail. Doch nicht nur engagierte Eltern unterstützen das Schulleben, sondern auch zahlreiche außerschulische Partner. Träger der Ganztagsschule ist die Elsa-Brandström-Jugendhilfe mit der in vielen Bereichen intensiv zusammengearbeitet wird. Es besteht auch ein enger Kontakt zum Jugendamt, zum Frauenhaus und zur Familienvorsorge. Für die Nachmittagsbetreuung gibt es einen Kooperationsvertrag mit dem internationalen Begegnungszentrum „Juxbude“. Die Schule wiederum arbeitet auch nach außen im Stadtteil-Projekt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit. Ein weiteres Kooperationsprojekt ist regelmäßiges Schüler-Kino. Da die Schule Mitglied im Projekt „Kulturstrolche“ ist, können die Kinder kulturelle Einrichtungen kostenlos besuchen. Außerdem lesen acht Lesepaten den Kindern ehrenamtlich vor, darunter auch eine 80-jährige „Leseoma“. Und auch umgekehrt unterstützen sich die Generationen: Einige Kinder gehen jede Woche zum Vorlesen ins Altersheim – und manchmal auch in den Kindergarten.
Eine-Welt-Schule, Minden
Schulleitung: Doris Pütz
Adresse: Fröbelstraße 5, 32423 Minden
E-Mail: 126937@schule.nrw.de
Telefon: 0571 20793
Schüler: 206