Ein kleiner Ort mit etwa 1.200 Einwohnern im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns – ein sogenanntes strukturschwaches Gebiet mit geringer Gewerbe- und Industrieansiedlung und einer sehr hohen Arbeitslosenquote. In einem Plattenbau mit dem typisch H-förmigen Grundriss befindet sich die kleine Halbtags-Grundschule des Dorfs. Beim Näherkommen kann man erkennen, dass die Fenster erneuert wurden und die Fassade farbig gestrichen ist. Aber noch viel mehr ist im Inneren der kleinen Dorfschule passiert: Hier arbeitet die engagierte Schulleiterin Ute Wegner gemeinsam mit einem engagierten Kollegium und viel Einsatz daran, sie als „gesunde“ und „bewegte“ Schule zu profilieren.

Die Grundschule Tutow hat zurzeit 84 Schülerinnen und Schüler, ist einzügig organisiert und verfügt über zwei Klassen mit Kindern mit Lese-/Rechtschreib-Schwäche. In der ostdeutschen Gemeinde gibt es nur wenige Kinder nichtdeutscher Herkunft, also kaum Sprachprobleme an der Schule. Aber mehr als 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler wachsen in sozial benachteiligten Familien auf. Viele Eltern haben mit Langzeitarbeitslosigkeit zu kämpfen. Neben schlechten Ernährungsgewohnheiten herrschen in einigen Familien zunehmende Bewegungsträgheit und mangelnde Kommunikationsfähigkeit. Manchmal fehlen ritualisierte Tagesabläufe mit gemeinsamen Mahlzeiten und andere Familien-Aktivitäten. Und mit der Abschaffung des örtlichen Jugendzentrums ist den Kindern eine wichtige Einrichtung zur Nachmittagsbeschäftigung genommen worden. Für Schulleiterin Ute Wegner ein Grund mehr, ihren Schülerinnen und Schülern ein interessantes und abwechslungsreiches Angebot zur Freizeitbeschäftigung zu unterbreiten.
Um die Kinder nachdrücklich unterstützen zu können, müssen auch die Eltern erreicht werden. Die Strukturen im ländlichen Raum und die Größe der Schule erfordern dabei eine spezielle Herangehensweise. Alles ist im Dorf familiärer, die Probleme Einzelner können sozusagen „hautnah“ miterlebt werden. Man kennt sich. Bei den gut besuchten Elternversammlungen und -gesprächen oder Schulaktivitäten wie dem Schuljubiläum und anderen sporadisch stattfindenden Schulfesten gibt es für die Mütter und Väter die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Lehrerinnen und Lehrern, die gern genutzt wird. Wenn Eltern nicht teilnehmen können, entschuldigen sie sich und suchen Rückkopplung mit der Schule, um sich über die besprochenen Themen zu informieren. Eine stärkere Einbindung der Eltern mit Hilfe einer sogenannten Elternschule ist seitens der Schulleitung geplant. Gelegentlich organisiert der Förderverein der Grundschule Tutow Vortragsabende mit einem Diplom-Psychologen, beispielsweise zum Thema: „Machtkämpfe in der Pubertät“. Diese Abende stoßen auf großes Interesse. Manche Eltern führen zudem AGs wie „Line-Dance“ oder „Sitten, Märchen, Traditionen“ einmal pro Woche durch. Auf eine besonders positive Resonanz stoßen die Elternbriefe, aber auch die Schülerzeitung. Eltern loben auch die Teilnahme der Schule an Projekten wie „Joe Clever“ oder „BIO-Brotboxen“ und Bewegungsangebote wie Wandertage, Sportfeste oder den Herbstlauf.
Das kleine, aber sehr engagierte Lehrerkollegium schafft es, sehr viel Eltern- und Schülerarbeit über den normalen Rahmen hinaus zu erwirken und zu gestalten: Die Schule ist seit 2004 als volle Halbtagsschule anerkannt und bietet wöchentlich 25 Zusatzangebote zum Unterricht innerhalb ihres Schulprogramms an, darunter neben Angeboten zu Sport und Bewegung auch Entspannung durch Yoga, einen Schulchor, das „Gestalten mit Wachs und Keramik“, den Handarbeitskurs „Flinke Nadel“, Kurse zu Ernährung und Forschen und Lesen. 15 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer machen das für die kleine Schule bemerkenswert vielseitige und breitgefächerte Angebot möglich.
In Zusammenarbeit mit dem benachbarten Sportverein kann die Schule das angrenzende Sportgelände nutzen. Vernetzungen bestehen außerdem mit der Heimatstube Tutow beim Kurs „Kreatives Gestalten“ sowie projektweise mit der örtlichen Feuerwehr. Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt ermöglicht das Projekt „Kinder-Yoga“. Die Tutower Grundschule erledigt aber aus finanziellen Gründen fast alles mit dem eigenen Personal und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Sowohl in Sachen Ernährung als auch im Bereich Bewegung und bei den Angeboten im psychosozialen Bereich sorgt die Schule für Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer. In thematischen Dienstberatungen zum Thema „Bewegung und Entspannung im Unterricht“ bilden sich die Lehrkräfte intern fort. Informationsmaterial zu „Gesundheitswochen in der Schule“ von der Unfallkasse, der AOK und dem Bildungsministerium sowie Literatur zur „Bewegungsfreudigen Schule“ von der BARMER und der Bertelsmannstiftung unterstützen die Lehrerinnen und Lehrer. Interne Lehrerfortbildungen vom TÜV Rheinland Nord werden ebenso von den Lehrkräften besucht wie Veranstaltungen zum Thema „Training für aufmerksamkeitsgestörte Kinder“ und „Diagnostik und Therapie von Legasthenikern“.
Zwar hat die Kommune große finanzielle Probleme, dennoch hilft auch sie der Tutower Grundschule nach Kräften. Der Förderverein ist relativ stark, wenn auch nicht mit großen Mitteln ausgestattet. Er sorgt aber für zusätzliche Motivation im Elternumfeld.
Seit 2004 profiliert sich die kleine Dorfschule als gesunde und bewegte Schule. Sowohl im Unterricht als auch im direkten Gespräch mit den Eltern werden Kenntnisse zur gesunden Ernährung vermittelt, aber auch während des gemeinsamen Frühstücks, denn die Kinder frühstücken in der Schule im jeweiligen Klassenverband. Während des Unterrichts ist es den Schülerinnen und Schülern ausdrücklich erlaubt, Wasser zu trinken. Die Schule gibt Anregungen und Denkanstöße, motiviert die Kinder, auf ihre Ernährung zu achten, Verbote zur Pausenverpflegung werden aber nicht erteilt. Dank der Spende eines anonymen Sponsors können die Kinder aller Klassen sich einmal wöchentlich kostenlos von einem Obst- und Gemüseteller bedienen und sich mit Vitaminen versorgen. Das Thema Ernährung wird auch sinnlich in den Unterricht eingebunden, etwa, indem mit Äpfeln gerechnet wird oder die Deutschdiktate die Bedeutung von frischen, vitaminreichen Nahrungsmitteln thematisieren. Sehr beliebt bei den Kindern ist der Schulgarten, wo sie im Rahmen des Sachunterrichts praktische Erfahrungen mit Obst und Gemüse sammeln können. Darüber hinaus haben die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des AG-Angebots die Möglichkeit, einen Kochkurs zu besuchen.

Nicht nur im Nähkurs geht es um flinke Motorik. Um die Kinder für mehr Bewegung zu begeistern und ihnen ein gutes Körpergefühl zu vermitteln, bietet die Schule ihren Schülerinnen und Schülern bewegungsfördernde Kurse wie Line-Dance, Leichtathletik/Sportspiel, Tischtennis, Pfadfinder und Kinder-Yoga an. Es gibt Wettkämpfe, Waldrallyes und Schauturnen. Damit sie auch die Unterrichtspausen aktiv und bewegt gestalten können, stehen in sämtlichen Klassenzimmern Spielkisten, aus denen sich die Kinder für die große Pause ausstatten können: Mit Bällen, Reifen, Gummitwist-Bändern undBalancegeräten. Bei Regenwetter muss improvisiert werden: Dann kommen die Sport- und Spielgeräte wie auch Brett- und Konzentrationsspiele auch schon mal im Klassenraum zum Einsatz. Mindestens einmal wöchentlich findet außerdem für alle LRS-Klassen eine Bewegungsstunde statt. Bewegter Unterricht steht auch in den Klassen mit Kindern mit Lese-/Rechtschreib-Schwäche ganz oben auf dem Stundenplan, denn bewegt lernt es sich besser. Dazu legt die Lehrerin oder der Lehrer beispielsweise eine CD ein, und die Kinder können sich frei im Raum bewegen. Im Werkunterricht wird Bewegung in Form von Stationsarbeit gefördert.
In der kleinen Tutower Dorfschule sind Lehrkräfte gleichzeitig Sozialarbeiter oder Psychologinnen. „Wir sind vor allem Ansprechpartner für die Kinder“, betont die Schulleiterin. „Der Unterricht verläuft nicht stur nach Plan, sondern wir haben immer ein offenes Ohr für die Belange der Schülerinnen und Schüler.“ Der Gemeinschaftssinn der Kinder wird durch das vielfältige Kursangebot gestärkt, zum Beispiel beim gemeinsamen Singen im Schulchor. Aber auch die individuelle Entwicklung wird nicht außer Acht gelassen: Die Kinder sollen durch die vielfältigen Wahlmöglichkeiten ihre Interessen erkennen und im entsprechenden Kursangebot Erfolgserlebnisse erzielen. Kinder mit Lese-/Rechtschreib-Schwäche unterstützt die Schule mit zusätzlichem Förderunterricht.
Als kleine Schule auf dem Land mit nur 84 Schülerinnen und Schülern unternimmt die Grundschule Tutow eine Kraftanstrengung für die Gesundheitsförderung ihrer Schülerschaft. Das kommt auch den Eltern zugute, die von ihren Kindern immer häufiger „vom Sofa geholt werden“. Alle am Schulleben Beteiligten arbeiten sehr engagiert und kreativ – und setzen das Schulkonzept und ihre Ideen erfolgreich um: Kein Wunder, dass die Kinder gern zur Schule kommen. Sie lernen hier in einer angstfreien und anregenden Atmosphäre. Nicht zuletzt wird die Schule von vielen Bewohnerinnen und Bewohnern als Bereicherung für das ganze Dorf angesehen. Sie ist für das Gemeindeleben sehr wichtig, denn sie bringt durch ihre Aktivitäten die Menschen des Orts zusammen. Die Kulturabende der Schule sind gut besucht, und ihr großes Weihnachtsprogramm ist ein jährliches Highlight in Tutow. Das ganze Dorf wird dann mobilisiert. Auch Bürgermeister Hans- Peter Littmann freut sich über die lebendige Grundschule und die vielen engagierten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in der Gemeinde: Es gibt doch noch Gemeinschaftssinn, nicht nur Leistungs- und Erfolgsdenken. Und die Kinder können stolz auf ihre Schule sein. Auch das motiviert zum Lernen.
Grundschule Tutow
Schulleitung: Ute Wegner
Adresse: Dammstraße 8a, 17129 Tutow
E-Mail: grundschuletutow@aol.com
Telefon: 039999 70208
Schüler: 84