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Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung



Offene Ganztagsschule, 3. Preis

KGS Barbarastraße, Aachen

Satt machen und bewegen – so lautet das inoffizielle Motto der Katholischen Grundschule Barbarastraße. Mit Unterstützung eines engagierten Fördervereins hat sich die Schule auf den Weg gemacht, den oftmals schwierigen Lebensumständen ihrer Schülerinnen und Schüler mit einem gesunden Frühstücks- und Bewegungsangebot etwas Positives entgegenzusetzen.

Lachendes Mädchen auf dem Schulhof

Jeden Morgen treffen sich im Aachener Stadtteil Rothe Erde Mütter, Tanten und eine Großmutter, um für die rund 75 Kinder der KGS Barbarastraße das Frühstück vorzubereiten. Liebevoll schmieren sie Marmeladenbrote und stecken klein geschnittenes Obst auf Spieße. „Erst wenn der Magen gefüllt ist, geht es bei uns los”, erklärt Schulleiterin Huberta Defourny, und man ahnt bereits den ernsten Hintergrund. Viele Werke haben dem Industriestandort in den letzten Jahren den Rücken gekehrt oder geschlossen, die Arbeitslosigkeit ist angestiegen, und wer es sich leisten kann, zieht weg. Die Lehrerinnen und Lehrer haben bemerkt, dass mehr als die Hälfte der Kinder regelmäßig ohne Frühstück zur Schule gekommen ist. Viele Schülerinnen und Schüler waren insbesondere nach den Wochenenden aggressiv und konzentrationsschwach.
Die Schulleiterin und der Förderverein KGS Barbarastraße haben erkannt, dass sie zunächst diese Probleme angehen mussten, bevor an einen erfolgreichen Unterricht zu denken war. Sie haben die Projekte „Gesund gefrühstückt lernt es sich leichter“ und „Bewegte Schule“ gegründet, die durch die großzügige und dauerhafte Unterstützung von privaten Spenderinnen und Spendern finanziert werden. Seitdem sitzen die Kinder zunächst in einer gemütlichen Runde zusammen, essen die vorbereiteten Vollkornbrote und reichen Schüsseln mit Rohkost herum, bevor die tägliche Sportstunde beginnt.

Integration durch Elternarbeit

Bei der Gelegenheit bereitet der Frühstücksmütterkreis gleich so viel Obst und Gemüse vor, dass es auch noch für die nächste große Pause und den Nachmittag reicht. Was übrig bleibt, dürfen die Kinder mit nach Hause nehmen. Das gemeinsame Zubereiten des Frühstücks ist in der KGS Barbarastraße bei 20 Nationen und einem über 80-prozentigen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund auch immer Integrationsarbeit und die Anleitung zum gesunden Kochen eine Anleitung zur Selbsthilfe: „Die Mütter, die wir schulen wollen, besetzen die Schlüsselrolle für die gesunde Ernährung ihrer Kinder”, so Uschi Brammertz. Die beteiligten Mütter sind zuvor kostenlos in einem sechswöchigen Kurs der AOK Rheinland ökotrophologisch geschult und zertifiziert worden und können nun über ihr Engagement in der Schule hinaus das Erlernte als Multiplikatorinnen zu Hause anwenden und an ihre Kinder weitergeben.
Der Frühstücksmütterkreis ist zu einem wichtigen Begegnungsraum geworden, bei dem neben der gesunden Ernährung der Kinder ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle spielt: „Früher habe ich mich geschämt, Deutsch zu sprechen, heute nicht mehr”, berichtet eine Mutter, die Deutsch erst lernen musste. Über das gemeinsame Brote schmieren und Kaffee trinken sind die Frauen, die es aus vielen verschiedenen Ländern nach Aachen verschlagen hat, miteinander ins Gespräch gekommen, viele haben sich mit der Zeit geöffnet, und mit den wachsenden Deutschkenntnissen stieg auch ihr Selbstbewusstsein. Aus dem Wunsch der Mütter, mehr Zeit miteinander zu verbringen, entstand zudem die Idee eines internationalen Kochtreffs. Seitdem verabreden sich die Mütter einmal in der Woche, um gemeinsam eine internationale Spezialität aus ihrem Herkunftsland zuzubereiten – nicht für die Kinder, sondern für sich. Auf diese Weise wirken die Angebote für die Mütter der Schule direkt in dem schwierigen Stadtteil, in dem die Frauen vorher eher vereinsamt waren. Etwas für sich tun – darum geht es auch der Mütter-Walking-Gruppe, die nach und nach entstanden ist. Schulleiterin Huberta Defourny und die Vorsitzende des Fördervereins, Uschi Brammertz, haben erkannt, wie wichtig integrative Elternarbeit für den Erfolg von Schule ist. Erst wenn Eltern die Schule nicht mehr als Fremdkörper wahrnehmen und über den Elternabend hinaus greifbare Anknüpfungspunkte angeboten bekommen, ist der Weg für eine vertrauensvolle Elternarbeit geebnet.

Vier Kinder mit Bällen in der Hand sitzen vor einer Kletterwand im Freien.

Mit Bewegung in den Tag starten

Inzwischen haben die Kinder ihr Frühstück längst beendet und bereits eine Verabredung mit Paul – wie jeden Morgen, wenn die erste Stunde beginnt. Denn die ist in der KGS Barbarastraße seit dem Pilotprojekt des Landes NRW „Tägliche Sportstunde an Grundschulen in NRW“ immer eine Sportstunde, und Paul leistet mit dem Schwerpunkt Bewegung an der KGS Barbarastraße im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) seinen Zivildienst ab. Aggressionen werden abgebaut, Schlafmützen werden wach – als liebevoller Raufpartner, Kumpel und respektierte Bezugsperson unterstützt er die Lehrerinnen und Lehrer beim Sportunterricht und in den Sport-AGs, beschäftigt die Kinder in den Pausen mit Sportspielen und hilft bei der Planung von Ausflügen.
Die Vollzeitstelle für das freiwillige soziale Jahr wird vom Förderverein und der Schulleitung jedes Jahr neu ausgeschrieben. Auch die Finanzierung muss jährlich aufs Neue über private Spenden und einen Topf des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gesichert werden. Um für eine solche Förderung in Frage zu kommen, kooperiert die Schule mit dem Westdeutschen Basketballverband. Der Westdeutsche Basketballverband beantragt die Mittel beim Ministerium und übernimmt die Ausbildung des Zivildienstleistenden zum Übungsleiter oder hilft beim Erwerb der Trainerlizenz. Und auch von dem Know-how-Transfer ihrer Kooperationspartner im Bewegungsbereich profitieren die Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig.
Auch in der Kita St. Barbara wird in Kooperation mit zwei Sportvereinen ein Bewegungsangebot – hier für Vorschulkinder – angeboten. So werden in Aachen durch das kombinierte Angebot aus „bewegten Vorschulkindern“ in der Grundschule Barbarastraße „bewegte Grundschulkinder“. Dieser fließende Übergang von der Kita in die Grundschule ist auch im Rahmen des Pilotprojekts einmalig.
Die Kombination der beiden Schulprojekte zu den Bereichen Ernährung und Bewegung, „Gesund gefrühstückt lernt es sich leichter“ und „Bewegte Schule“ zeigt erste Erfolge. „Die Kinder sind nach dem Frühstück und der Sportstunde viel lernbereiter und konzentrierter”, resümiert Schulleiterin Huberta Defourny. Zudem konnten die Lehrerinnen und Lehrer in Bezug auf die Lesefähigkeiten der Erstklässlerinnen und Erstklässler feststellen, dass diese den Lernstoff nun deutlich schneller und mit weniger Fehlern umsetzen und verinnerlichen. Daher sind viele Lehrkräfte dazu übergegangen, neue und anspruchsvolle Lerninhalte nach Frühstück und Sport zu vermitteln, wenn Konzentration und Motivation am höchsten sind. Der Frühstückskreis und das Bewegungsprojekt finden nun bereits im dritten Jahr erfolgreich statt und sind fest an der Schule etabliert. Wenn im Unterricht die Luft raus ist, macht die Klasse einfach eine Pause mit Bewegungsspielen. Wenn gar nichts mehr geht, hilft Paul auch hier und kümmert sich gezielt um einzelne Kinder.

Konfliktbewältigung ohne Gewalt

In dem Anti-Gewalt-Projekt „Ich-du-wir-ohne Gewalt“ lernen die Kinder u.a. durch das Nachspielen eines Streits, wie man richtig mit Konflikten umgeht. So verschränkt eine Schülerin auch gleich demonstrativ die Arme vor der Brust und gibt sich gegenüber ihrer Mitschülerin zunächst wortkarg. Gemeinsam wird in der Klasse nach Lösungsvorschlägen gesucht, und am Schluss entschuldigen sich die beiden und reichen sich freundschaftlich die Hand. Die Teilnahme an dem Projekt wurde ermöglicht durch die Stadt Aachen in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem Kinderschutzbund. „Die Kinder haben gelernt, einander wieder zu vertrauen, sich aufeinander einzulassen und Teamgeist zu entwickeln”, berichtet Uschi Brammertz. Nachdem eine Pädagogin das Projekt an der Schule initiiert hat, wurde es von den Lehrerinnen und Lehrern etabliert und weiter ausgebaut. Für 17 Kinder bietet die Schule eine heilpädagogische Betreuung an. In gezielten Einzel- oder Gruppenmaßnahmen kümmert sich ein Heilpädagoge um Kinder mit besonderem Förderbedarf. Und bei schwierigen familiären Problemen wird die KGS Barbarastraße durch eine Zweigstelle des städtischen Jugendamts unterstützt, die sich im gleichen Gebäude wie die Schule befindet. Durch die enge örtliche Vernetzung sind die Wege kurz und Probleme im Alltag auch für den Partner sichtbar, was es für beide einfacher macht, gemeinsam Lösungen zu finden.
Besonders viel Vergnügen bereitet den Kindern das Improvisationstheater. Ein Junge ist zu Beginn der Übung ganz offensichtlich noch sehr müde, er gähnt mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern um die Wette und reibt sich die Augen. Aber dann sagt ihm jemand, dass er sich ausgiebig recken und strecken soll, anschließend Haare waschen und kämmen, dann Zähne putzen, anziehen und fertig. Die Stimme gehört dem Künstler Bernd Braks, der mit drei anderen Künstlerinnen für jede Klasse zwei Stunden pro Woche in den Bereichen Improvisationstheater, Bildende Kunst, Tanz und Musik im Rahmen des MUS-E Projekts der Yehudi Menuhin Stiftung Zugang zur Kunst anbahnt. Heute haben die Kinder auf spielerische und bewegte Art gelernt, was es morgens im Badezimmer alles zu beachten gibt. Genauso gerne tanzen die Kinder Hip-Hop. Mit großen Gesten und schnellen Schritten werden aus sonst eher zurückhaltenden Schülerinnen und Schülern kleine Stars. Die Choreografin weiß um die Probleme der Kinder und wie wichtig es ist, ihren Talenten eine Bühne zu geben. Mit viel Engagement hat es die KGS Barbarastraße geschafft, dem Stadtteil Rothe Erde in Aachen ein Stück Identität und den Kindern ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.

KGS Barbarastraße, Aachen
Schulleitung: Huberta Defourny
Adresse: Barbarastraße 1-3, 52068 Aachen
E-Mail: kgs.barbarastrasse@mail.aachen.de
Telefon: 0241 550560
Schüler: 75


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