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Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung



Offene Ganztagsschule, 2. Preis

Schule am Schwarzwasser, Bergheim

Der große asphaltierte Schulhof mit den in bunter Kreide aufgemalten Roboterkörpern wirkt wie ein Fragment aus der Gründungszeit der Schule. Durch den Bau eines Wohnparks im Jahr 1970 verfünffachte sich die Einwohnerzahl des kleinen Dorfs Ahe bei Bergheim von 600 auf 3.000. Damals ahnte noch niemand die Folgen: Das ehemals ambitionierte Wohnprojekt für besser gestellte Familien entwickelte sich über die Jahre zum sozialen Brennpunkt und die 1973 fertig gestellte Schule am Schwarzwasser zunächst zum Sorgenkind. Seitdem hat sich viel verändert. Eltern aus anderen Wohngebieten melden inzwischen ihre Kinder bewusst in der Schule am Schwarzwasser an, weil sie ihre Kinder hier gut aufgehoben finden.

Lernprobleme sind Lebensprobleme

Die von der Schule 1999 initiierte Erste Zukunftskonferenz, bestehend aus Eltern, dem Ortsvorsteher und Vertreterinnen und Vertretern der Sportvereine, war der erste entscheidende Schritt. Die Schulleitung erkannte, dass sie die gravierenden Lernprobleme ihrer Schülerinnen und Schüler nur lösen kann, wenn sich die Lebenssituation der Kinder verbessert. In Folge wurde das „Soziale Netz“ gegründet, eine Vernetzung von Hilfsangeboten und Institutionen, die durch eine Schulsozialarbeiterin und einen Schul-Jugend-Berater unterstützt wird.
Seitdem trifft sich die Schule im „Distriktteam“ regelmäßig alle sechs Wochen mit Vertreterinnen und Vertretern sozialer Einrichtungen, um ihre Angebote gemeinsam zu besprechen und zu organisieren. „So gelingt es uns, die Institutionen zu integrieren und an einen Tisch zu holen, die für die Schule entscheidend sind“, sagt Rudolf Becker, Schul-Jugend-Berater der Schule am Schwarzwasser. Er bietet zusätzlich alle zwei Wochen Beratungsstunden für die Lehrkräfte der Schule an. „Es ist toll zu sehen, dass das „Distriktteam“ von den Familien auch so wahrgenommen wird, wie es gemeint ist: als unterstützendes Angebot“, meint Schulsozialarbeiterin Martina Morschel. Sie steht jeden Montag und Dienstag im Haus für Einzelfallhilfe, Elternberatung, Soziales Lernen, Streitschlichtung und eine Kindersprechstunde zur Verfügung. Die gemeinsame Erörterung von Problemfällen aus verschiedenen Sichtweisen im „Distriktteam“ und Fortbildungen über das Landesprogramm OPUS NRW, die AOK und GUT DRAUF, der Jugendaktion der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, unterstützen die Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit.

Vom Sorgenkind zum Vorzeigeprojekt

Gemeinsam mit einem engagierten Kollegium hat Schulleiter Christoph Lützenkirchen das Schulkonzept weiterentwickelt: „Nur ein ganzheitlicher Ansatz von gesundheits- und lernfördernden Maßnahmen kann uns angesichts der starken Belastung vieler Familien und der damit verbundenen Ohnmacht von Schule wirklich weiterhelfen. Heute fühlt sich niemand mehr allein. Bei ersten Auffälligkeiten können wir präventiv und nachhaltig helfen.“ Als offene Ganztagsschule erreicht das Mittagsangebot in Verbindung mit der Hausaufgabenbetreuung gezielt viele Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Die Frühstückspause findet nach der aktiven Hofpause statt, um dem Bewegungsdrang der Kinder nach zwei Schulstunden Rechnung zu tragen. Die Brotdose der Kinder unterliegt dabei festen Regeln: Obst und Gemüse sollen dabei sein, Süßigkeiten sind nur im Ausnahmefall, an Geburtstagen oder bei Ausflügen, erlaubt. „Das wissen die Kinder und wollen auch gar nichts anderes mitnehmen“, erzählen die Eltern. Wasser steht als Durstlöscher immer zur Verfügung, Kakao und Milch können bestellt werden. Für Kinder, die kein Frühstück dabei haben, steht Knäckebrot bereit. Mehrmals im Jahr bereiten die Kinder auch gemeinsam ein Frühstück vor. Dass man dabei nicht nur viel Interessantes über die Herkunft und Zubereitung von Nahrungsmitteln erfährt, sondern dass es auch einfach Spaß macht und verbindet, wenn man gemeinsam isst, wissen auch die Eltern. Schulfeste sind an der Schule am Schwarzwasser nicht nur kulinarisch international, und das ein oder andere Gespräch über Couscous-Salat und Käseröllchen war schon mehrfach der Beginn einer guten Bekanntschaft. Die Mütter, unter ihnen auch viele muslimische Frauen, haben zudem die Möglichkeit, sich zweimal pro Jahr im „Müttercafé“ auszutauschen. In all den Jahren leiteten immer wieder Mütter eine Koch AG, Garten AG und viele weitere Arbeitsgemeinschaften.

Mehrere Kinder stehen im Klassenzimmer und strecken beide Arme nach oben

Lernen und bewegen

In erster Linie versteht sich die Schule am Schwarzwasser als „bewegungsfreudige Schule“ und wurde dafür in den Jahren 2004, 2006 und 2008 vom Land NRW ausgezeichnet. Durch die Teilnahme der Grundschule am Pilotprojekt „Tägliche Sportstunde“ des Landes treiben alle Schülerinnen und Schüler vier Stunden Sport pro Woche, hinzu kommt eine tägliche aktive Bewegungspause von 1520 Minuten – zusätzlich zu den Hofpausen. Vier thematisch sortierte Bewegungskisten unterstützen die Kinder darin, sich auszutoben sowie Geschicklichkeit und Gleichgewichtssinn beim Jonglieren oder Stelzenlauf zu trainieren. Der asphaltierte Schulhof wurde um eine großzügige Spielwiese ergänzt, wo die Kinder am liebsten auf den großen schwarzen Reifen der Kinderseilbahn klettern, um sich mit viel Schwung quer über die Wiese wirbeln zu lassen. Die größeren Schülerinnen und Schüler freuen sich über die neue Anlage zum Inlineskaten.

Im Unterricht überprüfen die Lehrkräfte, ob sich der Lernstoff nicht in Bewegung umsetzen lässt. Das Wissen darüber haben die Lehrerinnen und Lehrer über regelmäßige Fortbildungen zur Bewegungserziehung erworben. Wenn Jessica aus der Klasse 4a im Englischunterricht nun die Vokabel „Fußboden“ lernt, heißt das „touch the floor“, und sie hat sich ganz sicher auch mindestens einmal herabgebeugt, um ihn anzufassen.
Nach Lernphasen sind immer wieder Bewegungspausen bei weit geöffneten Fenstern vorgesehen. Die Lehrerinnen und Lehrer wissen, wie wichtig die Abwechslung von Lernen und Bewegung, aber auch Entspannung im Unterricht ist. Dabei dient die Bewegung nicht nur dazu, sich den Lernstoff, z.B. die Vokabeln, besser einprägen zu können. Viele Kinder werden durch eine Bewegungseinheit erst befähigt, den Lernstoff aufzunehmen.

Kinder brauchen Ruhe

Wer sich zurückziehen will, um in Ruhe ein Buch zu lesen, setzt sich einfach auf den Flur. Noch mehr Entspannung gibt es für die Schülerinnen und Schüler im Snoozelraum. Dorthin können sich die Kinder zurückziehen, wenn sie eine Pause brauchen und müde sind. Solchen Ruhezonen kommt insbesondere angesichts der zunehmenden Anzahl von Ganztagsschulen eine immer größere Bedeutung zu. Noch mehr als Erwachsene brauchen Kinder ihre täglichen Auszeiten, um gesund, ausgeglichen und lernfähig zu bleiben. Für Kinder mit sozial-emotionalen Schwierigkeiten haben die Lehrkräfte ein besonderes Angebot. Bei beruhigend wirkender Musik und gedämpftem Licht sitzen die Kinder im Kreis in einer dafür gemütlich hergerichteten Ruheecke zusammen. Gemeinsam sprechen sie über Ängste und darüber, was sie tun, wenn sie sich unwohl fühlen. Mit Unterstützung beschrifteter Karten entwickeln sie Mutmach-Tipps und probieren diese auch gleich aus, zum Beispiel „Stopp sagen“ und „Hilfe rufen.“

Konflikte besprechen

Streitereien unter den Schülerinnen und Schülern werden an der Schule am Schwarzwasser nur in Ausnahmefällen zu Beginn der Unterrichtsstunde gelöst, ansonsten im Klassenrat. „In der Pause entstandene Probleme am Anfang des Unterrichts zu lösen, kostete uns oft einfach zu viel Zeit“, so eine Lehrerin. Wenn sich die Kinder heute streiten, schreiben sie einen kleinen Zettel und werfen ihn in einen Kummerkasten. Der wird einmal in der Woche geleert und bearbeitet. In den dafür vorgesehenen Gruppenzeiten lernen Kinder, einen Konflikt auch aus der Sicht des anderen zu begreifen. Dieser Perspektivenwechsel schult ihr Empathieempfinden und ist für jeden Einzelnen von ihnen immer wieder eine Herausforderung. Aus diesem Grund werden Lösungsvorschläge auch gemeinsam in der Runde entwickelt, bevor sich die Kinder beim Anderen für ihr Verhalten entschuldigen. Für die Schülerinnen und Schüler ist es eine wichtige Erfahrung, dass ihre Konflikte und Sorgen ernst genommen werden.
Darüber hinaus lernen sie durch die gemeinsame Reflexion, ihren Frust und Kummer noch einmal in Worte zu fassen, ohne den Anderen zu beleidigen. Spätestens ab dem dritten Schuljahr werden in den Klassen Klassensprecher gewählt, die sich in regelmäßigen Abständen im Schülerparlament mit der Schulsozialarbeiterin treffen. Auch hier lernen die Kinder früh, ihre Meinung zu äußern und sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen.

Kinder bei einer akrobatischen Aufführung auf einer Bühne.

Es gibt noch vieles zu entdecken

Schon ganz gespannt sind die Kinder auf den Mitmachzirkus Jonny Casselly, der in diesem Jahr zum zweiten Mal auf dem Schulgelände zu Besuch sein wird. In einer Projektwoche arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit der Zirkusfamilie u.a. zu den Themen Clownerie, Akrobatik, Tierdressur und Seiltanz. Hier können sie ihre Talente entdecken und im Mittelpunkt stehen, wenn sie das Erlernte zum Abschluss vor Publikum in zwei Vorstellungen präsentieren. Auch die Schulleitung und das Lehrerkollegium sowie Netzwerkpartner und Eltern der Schule am Schwarzwasser haben noch viel vor und sind dafür auf dem richtigen Weg. Für die Förderung der psychosozialen Gesundheit und für noch mehr Bewegung würde die Schule gerne einen Vielzweckraum für Entspannung und Bewegung einrichten und die Bewegungskisten für die Pause aufstocken. Der Bereich Ernährung soll durch die Einführung eines regelmäßigen Obst- und Gemüsetags sowie eine fest verankerte Ernährungs-AG gestärkt werden.
Das Kollegium der Schule am Schwarzwasser zeigt, wie mit guten Konzepten und viel Engagement Gesundheitsförderung in Schule und Unterricht lebendig wird.

Schule am Schwarzwasser, Bergheim
Schulleitung: Christoph Lützenkirchen
Adresse: Am Schwarzwasser 2, 50127 Bergheim
E-Mail: sas@bergheim.de
Telefon: 02271 798717
Schüler: 206


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