Der erste Eindruck zählt, heißt es. Die Waldschule Tempelsee empfängt ihre Besucherinnen und Besucher mit einem großzügigen Foyer und einer angenehm ruhigen Atmosphäre. Die Schülerinnen und Schüler unterhalten sich leise, jeder scheint zu wissen, wo er hingehört. Alle setzen sich im Schneidersitz auf den Boden, bilden einen Kreis und fassen sich an den Händen – die Unterrichtsstunde kann beginnen.

Der erste Eindruck wird bei näherer Betrachtung bestätigt. Die gesamte Lernatmosphäre in der Waldschule Tempelsee wirkt sehr positiv. Das liegt auch an den ungewöhnlichen Lernräumen, die hier geschaffen werden. So findet die Ethikstunde auf dem Boden des Foyers statt. Eine Schulklasse sammelt sich an der Treppe, ausgestattet mit kleinen Kresse-Schälchen, um in der Schulküche das Frühstück vorzubereiten. Weitere Kinder flitzen über den Schulhof, schreiben Zettelchen und lernen dabei, dass Frieden mit „ie“ und Schule ohne „h“ geschrieben wird.
Die Klassenräume in dem 50er-Jahre-Bau sind ziemlich klein, so dass die Schulklassen regelmäßig auf Foyer und Flure ausweichen. Das schafft Platz, und die liebevolle Gestaltung sorgt für einen eigenen Charme. Die Schule wirkt insgesamt sehr bunt und lebendig. Dass die Schule Lehrkräften und Kindern am Herzen liegt, zeigt das Schulgebäude auch von außen: Der sachliche Beton- und Glas-Flachbau wird belebt durch bunte Bemalung der Außenwände mit Sonnenblumen und anderen fröhlichen Motiven. Die Waldschule liegt in einem sogenannten „Misch-Stadtteil“, eingebettet in ein Neubaugebiet, einen Waldstreifen und eine Einfamilienhaus- Siedlung.
Insgesamt 250 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule, mehr als die Hälfte davon mit Migrationshintergrund: In der Waldschule lernen Kinder mit den verschiedenen Muttersprachen, Haut- und Haarfarben aus über 30 Nationen. Nicht allen von ihnen können die Eltern bieten, was wichtig für sie wäre, denn etwa ein Viertel der Kinder lebt in sozial benachteiligten Familien. Die Schule verfügt über zwei Integrationsklassen, in denen jeweils drei Kinder mit erhöhtem Förderbedarf lernen. Für die Rektorin Hannelore Grebe bringen unterschiedliche Herkunft und kulturelle Vielfalt viel Potenzial in die Schule: „Die Kinder tragen unterschiedlichste Erfahrungen aus ihrer Familie in die Schule, geben sie an andere weiter und lernen so voneinander.“ Zwar bergen unterschiedliche Lebensweisen und Wertvorstellungen auch viel Konfliktpotenzial, aber mit viel Fingerspitzengefühl kann man viel steuern.
Damit die Kinder den gewaltfreien Umgang mit Konflikten lernen, werden verschiedene Programme in den Schulalltag integriert. Es gibt regelmäßige Gesprächsrunden in allen Klassen über die soziale Situation, das Klassenklima, das Verhalten der Kinder. In der Schule gelten einheitliche Regeln, die für die Klassen auf vielfältige Weise adaptiert werden und für die Schülerinnen und Schüler transparent gemacht werden. Die Kinder werden zur Entwicklung zunehmender Selbstständigkeit und auch Selbstkontrolle angeregt. So gibt es ein Streitschlichtungs-Programm, in dem Kinder befähigt werden, zwischen Mitschülerinnen und Mitschülern zu vermitteln. Die Streitschlichterinnen und Streitschlichter erhalten ein regelmäßiges Coaching, es gibt einen Plan, wie die Kinder in der Pause zum Einsatz kommen. Partizipationsmöglichkeiten sind über Klassensprecherinnen und Klassensprecher und das SV-System gegeben. Lehrer und Lehrerinnen schlagen problematische Kinder für die Teilnahme an der AG Sozialtraining vor.
Besonders stolz ist Hannelore Grebe darauf, dass sie im Laufe der Jahre viele Eltern aus unterschiedlichen Nationen zur Zusammenarbeit gewinnen konnten. Denn nur, wenn die Eltern erfahren, wie es in der Schule zugeht und was dort gemacht wird, kann die positive Wirkung die Kinder nachhaltig erreichen.
Und die Eltern können auf vielerlei Weise dazu beitragen, dass ihre Söhne und Töchter mehr Angebote erhalten. So engagiert sich die Vorsitzende des Betreuungsvereins seit über zehn Jahren an der Schule – längst besucht ihr eigenes Kind eine weiterführende Schule. Gemeinsam mit anderen Müttern und der Schulleitung ist es ihr gelungen, die pädagogische Mittagsbetreuung einzurichten. Momentan besuchen 70 Kinder der Waldschule täglich von 12 bis 15 Uhr diese Einrichtung. Nach einem gesunden Mittagessen werden die Hausaufgaben erledigt. Anschließend wird gespielt, gelesen und gelacht. Eine ortsansässige Metzgerei beliefert täglich die Schule und sorgt für frisch zubereitetes Essen. In der Schulküche werden dazu Salate angerichtet – oder gemeinsam mit den Kindern ein leckeres Dessert vorbereitet. Eine weitere Mutter einer ehemaligen Schülerin bietet Deutsch-Integrationskurse für Mütter mit Migrationshintergrund an („Mama lernt Deutsch“), die mit etwa 45 Teilnehmerinnen sehr gut angenommen werden. Frauen aus acht Nationen besuchen die Kurse. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von Sprachkenntnissen, sondern auch Schulthemen kommen zur Sprache, zum Beispiel werden Elternabende oder Klassenfahrten besprochen. Nach Aussage der AG-Leiterin sind die Kinder sehr stolz, wenn ihre Mütter an ihrer Schule lernen. Es gibt auch eine Analphabetinnen-Gruppe und ein regelmäßiges Elterncafé. Darüber hinaus beteiligen sich viele Eltern engagiert an Ausflügen, Projektwochen oder bieten Arbeitsgemeinschaften an. Elternlotsen sorgen täglich für den sicheren Schulweg.
Das war nicht immer so. Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Schule und den Zusammenhalt von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern hat das „Schulhofprojekt“ gespielt. So wurde der Schulhof mit großer Beteiligung der Eltern umgebaut und seitdem kontinuierlich gepflegt. Aus einem tristen Gelände wurde eine Spiel- und Lernoase. Und wer zusammen arbeitet, kann auch zusammen feiern: Regelmäßig finden Feste statt – Eltern und Verwandte sind herzlich dazu eingeladen. Da Feierlichkeiten jede Menge Vorbereitung benötigen, übernimmt jede Klasse eine Aufgabe, zum Beispiel kümmert sich die erste Klasse immer um die Salatbar. Neben Geselligkeit gibt es jedoch auch viele ernste Themen, die nur von Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen, Schülern und Eltern gemeinsam gelöst werden können. Dafür sprechen die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer Probleme mit einzelnen Kindern aktiv bei den jeweiligen Eltern an. Zudem werden zu verschiedenen Erziehungsfragen themenbezogene Elternabende organisiert.

Die Waldschule hat den Grundgedanken der Gesundheitsförderung und die präventiven Aktivitäten im Schulkonzept verankert. Die Schule nimmt an externen Evaluationen teil und lässt sich auch als „gesunde Schule“ zertifizieren. Zentraler Gedanke des Schulkonzepts ist, dass die Kinder in gesunder Atmosphäre aufwachsen und lernen können. Dazu gehören gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und ein gutes soziales Schulklima. Das lässt sich nur realisieren, wenn alle Lehrerinnen- und Lehrer im Team an der gemeinsamen Sache arbeiten. An der Waldschule ist das der Fall: Es werden ein offenes, freudvolles, lebendiges Klima gelebt und die gesundheitsfördernden Maßnahmen im Schulalltag umgesetzt.
Die Schule gilt als Modellprojekt für ganz Offenbach. Informationsmaterialen des Landessportbunds und der Unfallkasse Hessen sowie eine große Auswahl an Fachzeitschriften stehen zur Lektüre im Lehrerzimmer. Regelmäßig bilden sich die Lehrerinnen und Lehrer fort und besuchen Fachtagungen wie „Schule & Gesundheit“ oder die Fortbildungsreihe „Beweg dich, Schule“, aber auch an Informationsveranstaltungen der Krankenkassen nehmen die Lehrkräfte teil. Hannelore Grebe konnte Kooperationspartner gewinnen, die die Schule in ihrer Arbeit unterstützen. So bieten das Stadtgesundheitsamt, ein nahe gelegener Bauernhof oder die Berufsfachschule für Hauswirtschaft die Zusammenarbeit in einzelnen Projekten an. Nachmittags können sich die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Arbeitsgemeinschaften betätigen. Das Angebot reicht vom Leseclub über Yoga, Bühnenbild und Fußball bis hin zur Gartenbau-AG.
Neben ausreichender Bewegung wird gesundes Essen an der Waldschule groß geschrieben. Für das gemeinsame Frühstück haben die Kinder in der Regel dunkles Brot sowie ausreichend Obst und Gemüse in ihrer Brotdose, die sie von der Schule geschenkt bekommen. Gegen den Durst stehen in den Klassenräumen Wasserkästen bereit. In der Schule wird Wert auf handlungsorientierte Wissensvermittlung gelegt. Das Thema gesunde Ernährung ist auf Postern in Klassenräumen zu sehen. Doch wer sich gesund ernähren will, sollte auch wissen, wie gesunde Lebensmittel aussehen und wachsen. Dafür steht der Schulgarten zur Verfügung. Die jeweils erste Klasse beobachtet, wie Kartoffeln wachsen, die zweite Klasse erforscht das Wachstum von Bohnen. Regelmäßig finden Besuche auf einem Bauernhof statt. Die Kinder sehen, wie Butter und Käse entstehen und erhalten Molkereiprodukte vom Bauernhof für ihr gemeinsames Frühstück, das einmal monatlich in der Schulküche stattfindet. Und damit das Schulfrühstück noch mehr Spaß macht, kann jeder auf seinem Teller ein Gesicht aus Obst oder Gemüse gestalten – aus der Kresse werden jetzt Haare.
Neben gesunder Nahrung sollen die Kinder ausreichend Bewegung bekommen. Das geht besonders gut auf dem Schulhof. Wer Lust hat, kann sich Stelzen oder einen Ball ausleihen. Der neu gestaltete Schulhof mit seinen vielen Möglichkeiten wird von den Kindern sehr gut genutzt. Und auch während des Unterrichts werden Lerninhalte oft mit Bewegung verbunden, etwa beim Bewegungsdiktat auf dem Schulhof. Oder die Kinder gehen in der Kunststunde wieder ins Foyer und breiten große Papierbögen auf dem Boden aus. Wer gerade nicht malt, legt sich breit auf das Papier und lässt seine Körperkonturen nachziehen. Und staunt danach, wie er aussieht.
Waldschule Tempelsee, Offenbach
Schulleitung: Hannelore Grebe
Adresse: Brunnenweg 105, 63071 Offenbach
E-Mail: hannelore.grebe@wst.schulenoffenbach.de
Telefon: 069 8570730
Schüler: 250