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Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen

Höhenangst und Lampenfieber? Davon ist an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule nichts zu spüren, wenn die Mädchen und Jungen in der Aula hoch oben auf den Gerüsten die Lampen für die abendliche Vorstellung anbringen und den langen Vorhang richten. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es die Schule als Konzeptschule seit 35 Jahren gewohnt ist, eigene Wege zu gehen und etwas zu wagen – irgendwie anders soll unsere Traumschule sein, dachten sich einige Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler, Architektinnen und Architekten sowie Politikerinnen und Politiker Anfang der siebziger Jahre.

Gemeinsam reisten sie nach Schweden, um sich von den skandinavischen Erfolgen in Sachen Bildung inspirieren zu lassen. Ihr Ziel: Eine Alternative zum traditionellen Schulsystem zu verwirklichen, die die bisher mit den Gesamtschulen der ersten Generation gemachten positiven wie negativen Erfahrungen berücksichtigen sollte. Das Ergebnis: 1975 gründeten sie in der traditionsreichen Universitäts- und Kreisstadt Göttingen die Integrierte Gesamtschule Georg-Christoph-Lichtenberg (IGS). Rund 1.500 Schülerinnen und Schüler, darunter selbstverständlich auch Kinder mit speziellem Förderbedarf, besuchen heute die Schule. Grundprinzipien sind der Verzicht auf äußere Fachleistungsdifferenzierung bis einschließlich Klasse zehn – getreu dem schwedischen Vorbild – und der Teamgedanke: „Zusammenarbeit, Sicherheit und Kooperation im Team stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger: „Kein Kind ist allein, es ist immer Mitglied eines Teams.“

Prävention: Ermutigung, Einladung und Inspiration

Dieser Ansatz stieß auch in der Wissenschaft auf Interesse. Seit mehreren Jahren begleitet der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther, der die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen leitet, als Kooperationspartner das pädagogische Wirken der Lehrerinnen und Lehrer der IGS. Selbstverständlich lässt er es sich auch nicht nehmen, beim Schulbesuch des Teams des Deutschen Präventionspreises 2010 dabei zu sein und das Präventionskonzept der Schule zu erläutern. Dieses beruht auf den Säulen Ermutigung, Einladung und Inspiration. „Prävention als Belehrung funktioniert nicht, Prävention kann auch nicht verwaltet werden“, formuliert Prof. Dr. Gerald Hüther. „Prävention funktioniert nur über Beziehung, als kollektive Verantwortung. ‚Das Heil der Welt liegt nicht in neuen Maßnahmen, sondern in einer anderen Gesinnung’, hat Albert Schweitzer einmal gesagt.“ Ziel der Schule ist es, die Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorzubereiten und sie zu motivieren, mit- und voneinander zu lernen. Nach schwedischem Vorbild duzen sich alle Mitglieder der Schulgemeinde. Auch die Hausmeister sind Teil des pädagogischen Konzepts und werden in den Erziehungsprozess integriert. Überhaupt wird Integration an der IGS großgeschrieben.

Zusammen geht's am besten

In fast jeder Klassenstufe gibt es mindestens eine Integrationsklasse, in der Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen lernen. Diese Klassen sind kleiner, die Lehrkräfte werden von Förderschullehrerinnen und -lehrern sowie Sozialpädagoginnen und -pädagogen unterstützt. Den Jugendlichen gefällt es in der I-Klasse. „Wenn die anderen manchmal langsamer sind als ich, dann helf’ ich ihnen einfach“, berichtet Florian. „Bei uns ist das Kind am wichtigsten“, so Vogelsaenger weiter. „Wir haben unser Haus, unsere Schule um das Kind herum gebaut.“

Zauberflöte, Zahnschmerzen, Zirkus

Mit Bauarbeiten beschäftigt sind auch mehrere Schülerinnen und Schüler in der Aula, der so genannten „Grünen Mulde“ gleich im Eingangsbereich der IGS. Gemeinsam werkeln sie am Bühnenbild für eine Inszenierung, die am Abend aufgeführt werden soll. Gezeigt wird die Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Alle sind schon sehr aufgeregt. Mehrere Mädchen klettern auf Leitern an der Bühne herum und befestigen Seile, Kabel und Haken. Die Aufführung ist ein Gemeinschaftsprojekt des sechsten Jahrgangs, verschiedene Kleingruppen sind etwa für die Maske, die Technik oder die musikalische Begleitung zuständig. Außerdem gibt es eine Reporter- und eine Bauchladengruppe. Ein paar Treppenstufen höher laufen gerade die Vorbereitungen für den nachmittäglichen Mittelaltermarkt auf Hochtouren. Überall sind kleine Stände und Buden aufgebaut, alle Schülerinnen und Schüler sind kostümiert, haben sich als Marktfrauen oder Handwerker verkleidet. Einige Schülerinnen und Schüler bemalen die Papierbahnen, die auf die Buden gespannt sind. Mehrere Jugendliche üben gemeinsam ein kurzes Theaterstück, das sie am Nachmittag, wenn der Mittelaltermarkt eröffnet wird, den Mitschülerinnen und Mitschülern, Eltern und Lehrkräften vorführen möchten. Es geht um Heilkräuter und einen Zahnarztbesuch. „Das muss früher ganz schlimm gewesen sein“, gruselt sich Siebtklässlerin Vanessa, die in dem Stück mitspielt. „So ganz ohne Betäubung und nur mit einer Zange…!“

Und dann ist da auch noch der Schulzirkus „Halt die Luft an“: 50 Kinder und Jugendliche von der fünften bis zur 13. Klasse proben hier regelmäßig die unterschiedlichsten Zirkustechniken, von Seillaufen, Akrobatik, Jonglieren und Clownerie über Tanz, Zauberei, Einradfahren bis hin zu Kugellaufen, Feuertricks und Trapezturnen. Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie zwei Lehrkräfte gründeten vor 19 Jahren den Zirkus als erlebnispädagogisches Projekt. Dieser wirkt auch weit über das Schulgelände hinaus: Immer wieder geht der Zirkus auf Tournee und begeistert bei Gastspielen in Deutschland und Schweden große und kleine Zuschauerinnen und Zuschauer. „Viele Kinder melden sich bei uns ausdrücklich besonders wegen des Zirkus an!“, unterstreicht Sozialpädagogin Monika Lambrecht-Koch den Erfolg des Projekts. „Er bietet den Kindern und Jugendlichen viel Spielraum für Entwicklung und die Entfaltung ihrer Persönlichkeit.“ Unterstützt wird diese Haltung im Schulalltag durch das Prinzip der Team-Kleingruppen.

Tischgruppen und Tischgespräche

„Die Kinder sollen bei uns leben und lernen. Sie sollen lernen, Verantwortung für sich und das Team wahrzunehmen“, betont Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger. „Über unsere ganze Arbeit könnte man die Überschrift ‚Beziehung’ setzen“, ergänzt Ralf Schönmann, der an der IGS als Sozialpädagoge tätig ist. Ausdruck davon sind nicht nur die regelmäßigen Elternabende und Klassenfahrten, sondern auch das Prinzip der Tischgruppenarbeit: Die Klassen eines Jahrgangs sind heterogen zusammengesetzt, das Gleiche gilt auch für die nächstkleineren Einheiten, die Tischgruppen. In manchmal langwierigen Diskussionsprozessen, an denen sich alle beteiligen, bilden die einzelnen Klassen Lernteams, die in Tischgruppen aus je vier bis sechs Schülerinnen und Schülern arbeiten. So lernen die Mädchen und Jungen, sich gegenseitig zu unterstützen, lernschwächeren Kindern zu helfen und gemeinsam Aufgaben zu lösen. Das gefällt am Anfang nicht immer allen: Vor allem die Jüngeren säßen manchmal lieber mit den Freundinnen und Freunden zusammen, schnell stellen sie aber fest, dass die Tischgruppen auch nützlich sein können: In jeder Tischgruppe ist immer ein Schüler oder eine Schülerin, die einem beim Lösen von schwierigen Aufgaben helfen können. Innerhalb der sechs Jahre der Sekundarstufe I arbeitet idealerweise jeder Schüler und jede Schülerin einmal mit jeder anderen Schülerin, jedem anderen Schüler der Klasse zusammen in einer Tischgruppe. Mehrmals im Jahr treffen sich die Tischgruppen bei einem der Kinder zu Hause, samt Eltern und den Tutorinnen und Tutoren der Klasse. Bei diesen Tischgruppengesprächen ist jeweils das Kind, bei dem das Gespräch stattfindet, der Gastgeber. Zusammen mit den anderen Schülerinnen und Schülern gestaltet es den Abend. Wortwörtlich auf den Tisch kommen an diesen Abenden Themen wie die unterschiedlichen Lernentwicklungsschritte der Sprösslinge, das pädagogische Konzept der Schule, familiäre Erziehungskonzepte oder Konflikte. Im Schulalltag klären die Schülerinnen und Schüler allerdings ihre Streitigkeiten in der Regel selbst, etwa mit Hilfe von eigens dafür ausgebildeten Streitschlichterinnen und Streitschlichtern.

Streitschlichter und Bus-Scouts

Der kleine Jonas weiß schon genau Bescheid, wie sich ein guter Streitschlichter zu verhalten hat: „Wir dürfen nicht parteiisch sein und müssen darauf achten, die anderen ausreden zu lassen“, erklärt er. „Schimpfwörter dürfen wir nicht benutzen.“ Jonas hat die Ausbildung zum Streitschlichter absolviert, die die IGS ihren Schülerinnen und Schülern anbietet. Seine Brüder sind ebenfalls Streitschlichter. „Daheim gibt’s aber trotzdem manchmal Streit“, lacht Jonas. Die Streitschlichterausbildung ist systematisch im Schulkonzept verankert und wird aktiv praktiziert. Jedes Jahr bildet die IGS in den fünften Klassen 24 Jungen und Mädchen aus, die vorher von den Mitschülerinnen und Mitschülern ausgewählt werden. Ziel der Schule ist es, Konfliktpotenzial so früh wie möglich zu erkennen und zu entschärfen. Und das zahlt sich aus: „Die Früchte unserer Anstrengungen ernten wir in der Oberstufe“, betont Sozialpädagoge Schönmann. Damit es auch auf dem Schulweg nicht zu Konflikten kommt, bildet die IGS außerdem zusammen mit anderen Schulen Bus-Scouts aus, die den Schülerinnen und Schülern der eigenen und der umliegenden Schulen ein Gefühl der Sicherheit auch außerhalb der Schule geben. Auch die Busscouts der IGS wissen, wie sie Streitereien verhindern können: „Ganz wichtig ist, dass wir immer höflich bleiben“, erklärt Bus-Scout Janek. „Wenn es mal zu heftig wird, dann haben wir die Telefonnummer von Thomas, dem Polizisten, der hilft uns dann.“

Die seelische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler steht bei der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule im Mittelpunkt – eine der Folgen davon ist eine beeindruckende Bilanz, was die schulischen Leistungen angeht: Weit über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit einer Haupt- oder Realschulempfehlung erreicht an der IGS das Abitur. Und auch die Eltern stehen voll hinter der Schule. „Prävention ist bei der IGS überall im Alltag sichtbar, sie wird hier gelebt, ist ein Lebensgefühl“, erzählt Mutter und Elternvertreterin Annette Groeneveld. „Die Kinder leben hier richtig, sie gehen fast jeden Morgen fröhlich zur Schule.“ So schafft die IGS, was an vielen anderen Schulen nicht immer selbstverständlich ist: Lernerfolge bei gleichzeitigem Wohlbefinden.

Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen
Schulleitung: Wolfgang Vogelsaenger
Adresse: Schulweg 22, 37083 Göttingen
Website: www.igs-goettingen.de
E-Mail: igs@goettingen.de
Telefon: 0551 4005134
Schülerinnen und Schüler: 1.500


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