In Marnitz im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern ist Schule weitaus mehr als nur ein Lernort. Hier treffen die Jugendlichen ihre Freunde und verbringen auch einen großen Teil ihrer Freizeit. Denn dort, wo sie zu Hause sind, gibt es wenig junge Menschen und nur selten Freizeitangebote. Manche Schülerinnen und Schüler sprechen von der Regionalschule Marnitz gar als ihrem zweiten Zuhause. Sie kommen täglich – manche nach einstündiger Busfahrt – aus 36 Orten zusammen, in denen sie nicht selten die einzigen Jugendlichen sind.
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Die Regionale Schule Marnitz liegt malerisch auf einer Anhöhe, eingebettet in weite Hof- und Gartenflächen. Innen empfängt sie mit Blumen, Musik und viel liebevoller Dekoration. Das Gebäude ist hell und freundlich, die Wände schmücken hochwertig präsentierte Schülerarbeiten. In einer Ecke befindet sich die „Lobecke“ mit Namen derjenigen aus dem Lehrerkollegium und der Schülerschaft, die in letzter Zeit besonders positiv aufgefallen sind.
Die ländliche Idylle kombiniert mit liebevoller Schulausstattung lässt leicht darüber hinwegsehen, unter welch schwierigen Umständen die Schule arbeitet. Die Arbeitslosenquote in der Region ist sehr hoch. Etwa 20 bis 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler gelten als sozial benachteiligt. Viele junge Menschen verlassen das Bundesland, da sie für sich keine berufliche Perspektive sehen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen stagniert auf niedrigem Niveau. In Folge dessen wurden in der strukturschwachen Region Schulen geschlossen oder zusammengelegt, um Kosten zu sparen.
So ist auch die Regionale Schule Marnitz ein Konglomerat aus vier Schulen. Auch im kommenden Jahr ist wieder eine Zusammenführung mit einer Grundschule geplant. Das bedeutet große Unsicherheiten bei der Planung der Schulstruktur und des Personals. Doch das Lehrerkollegium nutzt die Umbrüche als Chance und bemüht sich nach jeder neuen Zusammenlegung um einen Neustart in noch höherer Qualität.
Schon im Vorfeld einer Zusammenlegung bringt sie verschiedene Akteurinnen und Akteure aus Schulen, Wirtschaft und Politik an einen Tisch. Gemeinsam wurde in einem „open space“ nach Chancen und Möglichkeiten für die Schule gesucht. Neue Modellversuche und -projekte sind immer willkommen, sie werden als Bereicherung empfunden. Alles an der Schule ist eng miteinander verzahnt, jedes Projekt muss eine Bedeutung für das Ganze haben. Die Schule scheint in ihrem Wandel zu wachsen, das Lehrerkollegium ist hoch motiviert und optimistisch.
„Unsere Schülerinnen und Schüler sollen an unserer Schule das Lernen lernen“, lautet die Devise der Schulleiterin. Sie sollen eigenständig und selbstbewusst aufwachsen und sich angenommen und wertgeschätzt fühlen. Zur Unterstützung des Lernens wird der Unterricht rhythmisiert, so dass im Wechsel Unterricht und Projekte stattfinden. Nicht selten wird zwischen Biologie- und Mathestunde gemalt, gesungen oder ein Plakatwettbewerb zum Thema Alkohol- und Zigarettenprävention umgesetzt. Wem das Lernen nicht so leicht fällt, der erhält einen individuellen Förderplan. Die Kinder und Jugendlichen sollen gesund sein, psychisch und körperlich. Die Schule soll sie stark machen, so dass sie die Kraft haben, den Unwegsamkeiten des Lebens zu begegnen. So werden die Grundlagen privaten und beruflichen Erfolgs nach der Schulzeit gelegt.
Die Regionale Schule kann dabei auf sehr gute Ergebnisse verweisen. Auch wenn Schülerinnen und Schüler teilweise aus bildungsfernen Familien kommen, können alle in eine Ausbildung vermittelt werden. Und das, obwohl die Schule regelmäßig Schülerinnen und Schüler aus umliegenden Schulen aufnimmt, die hierher strafversetzt wurden oder die nach ein bis zwei Jahren schulfreier Zeit allmählich wieder in den Schulbetrieb eingegliedert werden müssen. Niemand schwänzt hier die Schule.
Gesunde Ernährung als Baustein für eine gesunde Lebensweise besitzt an der Schule einen hohen Stellenwert. Durch die langen Fahrtwege zur Schule von bis zu einer Stunde treffen die Kinder morgens zu unterschiedlichen Zeiten ein. Damit sie keine langen Wartezeiten haben, organisiert die Schule einen offenen Anfang. Falls Kinder zu Hause nicht gefrühstückt haben, können sie hier auch ein Frühstück erhalten.
Im Wahlpflichtfach Kochen bereiten Jugendliche viermal pro Woche Mittagessen für ihre Mitschülerinnen und -schüler zu, die in der Mittagspause essen möchten. Gekocht werden klassische Gerichte mit Gemüse und Fleisch, Suppen oder Pizza in der großen Küche, die mit zahlreichen Doppelherdplatten gut ausgestattet ist. Rezepte, die schmecken und gesund sind, werden von den Hobbyköchen zu Hause auch gern nachgekocht.
Die Schülerfirma ‚Schülercafé Heißhunger’ sorgt für gesunde Snacks und Getränke im kleinen, gemütlichen Schülercafé mit Sitzecke und Theke. Hier kann man sich beim Chillen und Klönen einen leckeren alkoholfreien Cocktail, Obst oder ein Brötchen schmecken lassen.
Da die Schule im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern nicht mit Sponsorengeldern aus der Wirtschaft rechnen kann, nutzt sie alle sich bietenden Potenziale, um das Schulleben bunt, gesund und hochwertig zu gestalten. Gern beteiligt sie sich an Projekten und Programmen und arbeitet intensiv mit Eltern zusammen, die verbindlich und regelmäßig Arbeitsgemeinschaften für die Jugendlichen anbieten. So wird der Werkraum einmal pro Woche von einem Großvater betreut. Die Jugendlichen können sich hier in der AG Werken in Holzbearbeitung erproben. Jeder kann bauen, wozu er Lust hat und dabei eine Menge über den Werkstoff Holz und seine Bearbeitung kennen lernen.
Auch die AG Kreatives Gestalten wird von Eltern angeboten. Hier entsteht die Dekoration für das Schulhaus. Wer Lust hat, nähen zu lernen, ist in der Nähstube richtig. Mehrere Nähmaschinen wollen bedient werden, es gibt reichlich Stoffe zur Auswahl. Meist näht jeder etwas für sich, in Kürze soll jedoch auch eine Patchworkdecke als Gemeinschaftsarbeit entstehen.
Die Gruppe der AG Energiesparfüchse untersucht systematisch die Schule nach Einsparmöglichkeiten im Energieverbrauch. Die gibt es überall, zum Beispiel durch Ausschalten unnötiger Glühbirnen oder durch das Regulieren überheizter Räume. Das nützt nicht nur der Umwelt, sondern auch dem Sparsäckel der Schule. Denn mit dem Schulträger ist vereinbart, dass das durch Energiesparmaßnahmen eingesparte Geld zur Hälfte umgehend wieder der Schule zugute kommt. Für gute Laune durch Pausenmusik auf den Gängen sorgt die AG Schulfunk Marnitz. Hier können sich die Jugendlichen ihre Lieblingslieder wünschen.
Viele der Arbeitsgemeinschaften sind im Gesundheitsbereich angesiedelt. So kann man eine Menge über lebensrettende Maßnahmen lernen in der AG Junge Sanitäter, der AG Jugend Rotkreuz, der AG Blutspende und dem Projekt „Retten macht Schule“. Die Yoga-Stunden sind ein Entspannungsangebot für Schülerinnen und Schüler der verschiedensten Klassen, hier erlernen Interessierte den Sonnengruß oder können ihre Gelenkigkeit beim Kinderelefanten erproben.
Zur psychosozialen Gesundheit der Schülerinnen und Schüler gehört auch, dass diese in ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst genommen werden und mitgestalten dürfen. Darauf wird an dieser Schule viel Wert gelegt. Jede und jeder soll seinen Beitrag zum Schulleben leisten. Die Jugendlichen erstellen im Klassenverband ihre eigenen Regeln und erlernen dabei demokratische Grundlagen. Um zu allgemeingültigen Regeln zu gelangen, werden Vorschläge diskutiert, gewichtet und ausgewählt.
Die Jugendlichen werden nach Möglichkeit auch bei der Erstellung der Stundenpläne mit einbezogen. Im Schulprogramm ganz weit oben verankert ist die Devise, dass jede Schülerin und jeder Schüler Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen soll. Die älteren Schülerinnen und Schüler lernen das, indem sie Patenschaften über jüngere Schülerinnen und Schüler übernehmen oder in jüngeren Klassenstufen im Unterricht helfen. Verantwortung wird auch im Rahmen gemeinsamer Projekte übernommen, z.B. in Zirkus- und Theaterprojekten. Auch die Streitschlichtergruppe mischt sich aktiv ins Schulgeschehen ein und vermittelt, wenn es Probleme gibt. Dazu gehört allerdings eine vorherige Ausbildung.
Die Nachmittagsbetreuung ist für viele Schülerinnen und Schüler eine Bereicherung. Sie wird durch die tatkräftige Unterstützung vieler Eltern ermöglicht. Andere Eltern helfen, indem sie Klassenveranstaltungen unterstützen. Ein Vater schätzt die hohe Motivation der Lehrerschaft und möchte auch von seiner Seite etwas zu einem vielseitigen Schulalltag beitragen: „Es ist ungewöhnlich, welches Engagement durch die Lehrerinnen und Lehrer wir hier erleben. Um auch etwas zu geben, biete ich Kurse und Exkursionen in meine Druckwerkstatt an.“
Aber nicht nur die Unterstützung der Eltern ist gefragt, sie erhalten auch Hilfestellungen. Dreimal pro Jahr erscheint die schuleigene Elternzeitung ‚Eltern aktiv’. Darin werden viele Themen angesprochen, die auf Wunsch der Eltern in thematischen Elternabenden weiterbehandelt werden. Viele Mütter und Väter schätzen die thematischen Präventionsveranstaltungen für Eltern, die von Seiten der Schule zu Themen wie Alkohol oder Mobbing angeboten werden. An Eltern-Stammtischen versammeln sich Eltern, die miteinander sprechen möchten.
Lehrerinnen und Lehrer machen Hausbesuche bei den Schülerinnen und Schülern. Regelmäßig finden Elternabende in den Klassen statt und 14-tägig wird eine schulpsychologische Sprechstunde angeboten. So wird durch die eng verzahnte Zusammenarbeit von Lehrerkollegium und Eltern ein lebendiger Schulalltag realisiert, in dem psychosoziale Gesundheit einen hohen Stellenwert besitzt.
Besonders stolz ist die Schule auf ihre neueste Errungenschaft: Das „grüne Klassenzimmer“, ein ca. 50 Quadratmeter großer Holzpavillon aus Robinienstämmen, haben die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Fachleuten errichtet. Im Sommer kann hier der Unterricht im Freien stattfinden.
Regionale Schule Marnitz
Schulleitung: Siegrid Lemke
Adresse: Moosterstraße 10, 19376 Marnitz
Website: www.schulemarnitz.de
E-Mail: schulemarnitz@web.de
Telefon: 038729 29097
Schülerinnen und Schüler: 183
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